Sterben

Reden wir über das Sterben!

Das Thema Sterben macht den meisten Menschen Angst. Deshalb wird kaum darüber gesprochen. Aber wahrscheinlich gibt es kaum einen Menschen, der durch eine Krebsdiagnose nicht mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert wird. Und das ist, finde ich, eine ungeheure Chance! Wie bitte? denkst du jetzt vielleicht. Ja, ich meine das ernst.

Denn an der Tatsache, dass unser Körper, unser menschliches Wesen sterblich und damit endlich ist, hat sich durch die Diagnose ja nichts geändert. Das war auch vorher schon so. Das gilt für jeden. Egal ob wir jung oder alt sind, krank oder bei bester Gesundheit. Niemand weiß, wie lange sein Leben noch dauert. Vielleicht noch Jahrzehnte. Es kann aber auch heute schon vorbei sein. Auch wenn wir völlig gesund sind, in der Blüte unseres Lebens stehen. Wir wissen nicht, ob der Krebskranke früher sterben wird als der gesunde Partner, die sich um ihn sorgt. Normalerweise sind wir uns dieser Tatsache aber nicht bewusst. Wir verdrängen den Tod gerne, wollen nicht darüber sprechen, nicht darüber nachdenken.

Die Angst der Angehörigen

Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem Arzt, der meinte, ein Krebskranker müsse sich mit dem Tod auseinandersetzen. Ja, das ist sicher richtig. Aber nicht nur er. Das trifft auf uns alle zu. Oft ist es auch so, dass es dem Kranken leichter fällt als den Angehörigen. Jener Arzt erzählte auch von einem Fall, wo ihm ein Gespräch mit dem Kranken über den Tod nicht möglich war, wenn dessen Frau dabei war. Das finde ich sehr traurig, wenn es kranken Menschen – oder auch gesunden – nicht möglich ist, mit denjenigen, die ihnen am nächsten stehen, über den Tod und das Sterben zu sprechen. Wenn das Thema so große Ängste auslöst, dass es zu Sprachlosigkeit führt. Wenn es so stark tabuisiert ist, dass wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen.

Fehlende Rituale für das Sterben

In allen Kulturen gab es Rituale, die den Menschen den Umgang mit dem Tod erleichterten. Der Tod ist ein Teil des Lebens, etwas völlig Natürliches. Und es ist ein Thema, das jeden betrifft. Doch in unserer modernen Welt sind uns diese Rituale abhandengekommen, vor allem in den Städten. Das Sterben ist zwar in den Weltnachrichten allgegenwärtig, doch da ist es weit weg. In unserer Nähe wollen wir es nicht haben. Das halten wir so schlecht aus. Weil wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Weil wir so große Ängste vor diesem Thema haben. Und genau deshalb ist es wichtig, sich ihm zu stellen, darüber zu reden.

Wovor haben wir Angst?

Ja, auch ich habe Angst vor dem Sterben. Nicht nur vor möglichen Schmerzen. Die müssen nicht unbedingt sein und lassen sich mit Medikamenten lindern. Auch vor dem Erleben, wie die körperlichen Lebensfunktionen nachlassen. Davor, keine Kontrolle mehr über meinen Körper zu haben. Und insbesondere davor, keine Luft mehr zu bekommen, nicht mehr atmen zu können. Schon seit meiner Kindheit hat z.B. allein die Vorstellung, mit dem Kopf unter Wasser zu sein, in mir Panik ausgelöst. Wahrscheinlich bin ich in einem früheren Leben einmal ertrunken.

Der physische Tod selbst, wenn er einmal eingetreten ist, schreckt mich nicht so sehr. Ich erwarte nicht, dass danach etwas Schlimmes passiert, im Gegenteil. Alles, was wir von klinisch Toten, die zurückgekommen sind, wissen, weist darauf hin, dass das, was wir mit Tod bezeichnen, etwas sehr Schönes ist, zumindest wenn man gut gelebt hat. Ich bin schon sehr neugierig auf diese Erfahrung. Habe es aber nicht eilig damit, denn sie läuft mir ohnehin nicht davon.

Das, was mich am Tod am meisten stört, ist, dass ich den Zurückgebliebenen nicht mehr von der Erfahrung erzählen kann, dass es dann keine Verbindung mehr zu ihnen gibt, keine Kommunikation mehr möglich ist. Doch auch das stimmt ja nicht immer. Und wenn mir die Menschen, mit denen ich im Leben am engsten verbunden bin, vorausgehen, geht dieser Schrecken verloren. Denn dann habe ich ja die Chance, sie wiederzusehen. Das spricht natürlich dafür, alt zu werden. Denn jetzt gibt es noch nicht viele Menschen, die ich drüben wiedersehen könnte.

Wie wollen wir sterben?

Die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben, einfach friedlich einzuschlafen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Nicht einmal unseren Haustieren muten wir zu, eines natürlichen Todes zu sterben. Denn in den meisten Fällen wird – sofern sie nicht dem Straßenverkehr zum Opfer fallen – mit einer Giftspritze nachgeholfen. Obwohl die Tiere sicher weit weniger Probleme mit dem Sterben haben als wir Menschen. Ja, als unsere Katze schon ziemlich krank war, hatte ich auch Angst, bald vor diese Entscheidung gestellt zu werden. Sie hat sie mir abgenommen, indem sie eines Tages einfach verschwunden ist. Was mit ihr passiert ist, habe ich nie erfahren.

Beim Menschen ist aktive „Sterbehilfe“ – zum Glück – (noch) tabu. Dafür passiert das Gegenteil. Oft werden Menschen ins Krankenhaus abgeschoben, wenn es ans Sterben geht. Obwohl die Ärzte den Tod nicht verhindern können. Sie sind aber gesetzlich gezwungen, das Leben (und damit oft auch das Leiden) künstlich zu verlängern, sofern es keine anderslautende Patientenverfügung gibt. Aber wer weiß schon in gesunden Tagen, was er im Ernstfall wirklich möchte?

Wenn wir, schon bevor wir – oder sie – in den letzten Zügen liegen, mit unseren Angehörigen offen über das Sterben und den Tod reden können, kann das die Angst mildern, mit der wir das Thema abwehren. Dann wäre es vielleicht gar nicht nötig, dass das Sterben ins Krankenhaus ausgelagert wird. Dann könnte es häufiger so stattfinden, wie es sich die meisten Menschen wünschen: Zu Hause, in friedlicher Atmosphäre, im Kreis der Familie.

Wenn Krebskranke ihre Angehörigen schützen

Immer wieder höre oder lese ich, dass es eine der größten Belastungen für Krebskranke ist, sich dafür verantwortlich zu fühlen, ihre Angehörigen zu schützen vor deren eigener Angst. Sie können sich nicht auf sich selbst konzentrieren, nicht über das sprechen, was sie denken, was sie beschäftigt, weil sie dafür kein offenes Ohr finden bei ihren Liebsten.

Und es ist wohl auch die Angst, die Menschen dazu bringt, sich auf Behandlungsmethoden einzulassen, von denen sie spüren, dass sie ihren Körper zerstören. Die Angst vor dem Tod und natürlich auch das Nichtwissen um die Alternativen. Und sehr oft auch die Angst der Angehörigen, die sie dazu drängen. Und die fehlende Kraft, der mangelnde Mut, sich dagegen zu wehren und den eigenen Weg zu gehen.

Sich existentiellen Fragen stellen

Wenn man sich der Angst stellt, kann eine Krebsdiagnose eine wunderbare Gelegenheit sein, sich mit dem Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen. Und das ist zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Leben. Denn wenn wir den Tod vor Augen haben, wenn wir uns der Endlichkeit dieses Lebens bewusst sind, stellt sich unweigerlich die Frage, wozu wir hier sind, was der Sinn unseres Lebens ist, ob wir so gelebt haben, dass wir in Frieden sterben können oder ob da noch etwas offen ist, etwas zu erledigen oder abzuschließen. Wir stellen uns die Frage, ob es noch etwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt, ob wir noch eine Aufgabe vor uns haben. Welche Werte uns wirklich wichtig sind. Bei vielen Menschen ändern sich angesichts des Todes ihre Prioritäten. Beruflicher Erfolg, Geld und Status sind auf einmal viel weniger wichtig. Familie und Freunde gewinnen an Bedeutung. Alte Geschichten wollen abgeschlossen, Fehler bereut, erlittenes Unrecht verziehen werden.

Heilung der Seele

Ganzheitliche Therapeuten, die viel mit Krebskranken arbeiten, sprechen manchmal davon, dass es eine Heilung zum Leben gibt, aber auch eine Heilung zum Tod. Das heißt, auch dann, wenn der Körper nicht mehr zu retten ist, kann noch Heilung passieren. Heilung der Seele. Und das ist möglicherweise viel wichtiger als die Heilung des Körpers. Denn den Körper werden wir irgendwann sowieso verlassen. Aber es macht einen großen Unterschied, ob zu diesem Zeitpunkt die Seele heil ist, ob wir noch rechtzeitig aufräumen konnten in unserem Inneren. Und es gibt viele Therapien, die dabei helfen können. Die Hauptarbeit kann aber nur der Betroffene selbst machen. Und er muss dafür bereit sein.

Worum geht es im Leben?

Aber nicht immer geht es tatsächlich darum, dass wir uns auf einen baldigen Tod vorbereiten. Viel öfter, vor allem, wenn die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten und der Körper noch nicht durch Gifte und Strahlen nachhaltig zerstört ist, geht es darum, durch das Bewusstsein der Endlichkeit dieses Lebens die verbleibende Lebenszeit, egal wie lange sie noch ist, zu nutzen. Und um die Frage, wofür wir sie nutzen wollen. Welche Träume noch ungelebt sind, welche Aufgaben noch auf uns warten. Um die Frage, ob wir wirklich das Leben leben, das wir leben wollen. Oder vielmehr das, in das wir uns von anderen drängen lassen. Oder von den scheinbaren Sachzwängen. Von dem „Ich kann ja nicht, weil …“ Dann geht es darum, aus dem Hamsterrad auszusteigen und zu sehen, was es sonst noch gibt. Und dann kann eine Krebsdiagnose zu einer Entscheidung für das Leben führen. Für ein Leben, das viel besser ist als es das davor war.

Heidrun Ehrhard, die sich von metastasiertem Brustkrebs geheilt hat, nachdem sie von der Schulmedizin bereits als unheilbar abgestempelt worden war, drückt es in ihrem Buch „Schulmedizinisch aufgegeben! Was nun?“ so aus: „Ich bin nicht zum Fernsehgucken da.“ Wie viel von unserer kostbaren, begrenzten Lebenszeit verplempern wir mit sinnlosen Tätigkeiten?

Die Kostbarkeit des Lebens schätzen

Ja, wenn wir im Zuge einer Krebsdiagnose oder eines anderen einschneidenden Ereignisses mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens konfrontiert werden, kann das eine Chance sein, die Kostbarkeit des Lebens mehr zu schätzen und uns den Menschen und Dingen zu widmen, die uns wirklich wichtig sind. Eine Krebsdiagnose eignet sich hierfür besonders gut, weil zwischen Diagnose und Tod eine längere Zeitspanne liegt. Zumindest Monate, meist Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Bei einem Unfall, einem Herzinfarkt oder einer Gehirnblutung kann es sehr viel schneller gehen. Da bleibt in vielen Fällen gar nicht mehr die Zeit, sich mit den existenziellen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Bei einer Krebsdiagnose schon.

Ein weiterer Vorteil ist, dass es den meisten Menschen zum Zeitpunkt der Diagnose noch ziemlich gut geht. Sie fühlen sich nicht unbedingt krank, stehen noch mitten im Leben, haben noch genügend Kraft und Energie, um Weichen anders zu stellen, notwendige Veränderungen durchzuziehen.

Angst vor dem Krebs, vor dem Sterben oder vor der Behandlung?

Das, was eine Krebserkrankung zu einem Schreckgespenst macht, ist meist gar nicht die Erkrankung selbst, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sie üblicherweise behandelt wird. Wir haben Menschen im Kopf, die, verstümmelt, vergiftet und verbrannt, gezeichnet von einer unmenschlichen Behandlung aussehen wir Zombies, mehr tot als lebendig. Davor haben wir Angst. Zu Recht. Doch das muss nicht sein.

Mir selbst ging es so, dass große Erleichterung eintrat, als ich beschloss, in Zukunft auf das gesamte schulmedizinische Angstprogramm zu verzichten. Das heißt für mich nicht, die Tatsache zu verdrängen, dass ich auch (wieder) von Krebs betroffen sein kann. Es ist kein Den-Kopf-in-den-Sand-Stecken. Im Gegenteil. Es ist die Entscheidung, das Leben zu wagen. Mit allem, was es mir noch bringen mag. Von vornherein schon möglichst so zu leben, dass es gar nicht so weit kommt. Das nämlich ist wahre Vorsorge, nicht die Mammografie, bei der es nur um Früherkennung geht (um dann möglichst früh die Unbeschwertheit des Lebens zu zerstören und mit krank machenden Behandlungen zu beginnen).

Trotzdem kann es natürlich passieren, dass ich Krebs bekomme. Kann es Ereignisse geben, die ich nicht verkrafte, Kränkungen, die ich nicht überwinde. Das kann ich nicht ausschließen. Aber Therapien zu kennen, die heilsam und nicht zerstörerisch sind, gibt mir große Gelassenheit. Und sollte das alles nicht helfen, dann ist es okay zu sterben. Aber dann sterbe ich am Krebs, nicht an der Behandlung. Und nutze die Zeit bis dahin. Und dieses bewusste Okay nimmt mir die Angst und gibt mir große Freiheit.

So kann die Annahme des Todes das Leben reicher und lebenswerter machen. Deshalb kann die Auseinandersetzung mit dem Tod ein Segen sein. Denn es ist eine Auseinandersetzung mit dem Leben.

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